125 Jahre alt ist die Chiemseebahn in diesem Jahr geworden und damit die älteste Dampfstraßenbahn der Welt. Sie verbindet den Bahnhof Prien am Chiemsee mit dem Schiffsanleger. Seit Kurzem ist sie als jüngstes Mitglied des VDMT zugleich auch dessen älteste und traditionsreichste Bahn.

 Untrennbar mit dieser knapp zwei Kilometer langen Schmalspurbahn verbunden ist die Geschichte der Chiemsee-Schifffahrt, die im Jahr 1845 ihren Anfang nahm. Der „dampfbegeisterte“ Zimmermann Wolfgang Schmid aus Grassau südlich des Chiemsees baute das erste Dampfschiff, das er mit einer Dampfmaschine von Maffei aus München ausstattete. Die Kesselanlage lieferte der Münchner Josef Feßler, einer der wenigen Kupferschmiede, die damals in der Lage waren, druckdichte Kessel zu bauen. Trotz der anfänglichen Euphorie hatte Wolfgang Schmid immer wieder Probleme mit seinem Dampfschiff, das er dann vermutlich 1849 an seinen Kessellieferanten verkaufte.

Dieser schickte seinen Sohn Ludwig Feßler an den Chiemsee, der jedoch bald auf größere Schwierigkeiten stößt: Die Geschäftsgrundlage des Unternehmens, als „komfortables Zwischenstück während der langen Kutschenfahrt zwischen München und Salzburg“, entfällt nahezu vollständig, als die Bahnlinie auf dieser Strecke im Jahr 1860 fertiggestellt wird und Reisende nur noch die Bahn benutzen.

Ludwig Feßler kann jedoch diese Jahre überbrücken und als der bayerische König Ludwig II mit dem Bau von Schloss Herrenchiemsee beginnt, kommen Aufträge zur Beförderung von Baumaterial. Nach dem Tod von König Ludwig II 1886 stellt sein Nachfolger, Prinzregent Luitpold, den Bau ein und öffnet das Schloss für die Öffentlichkeit.

Jetzt beginnt ein regelrechter Ansturm, den Ludwig Feßler mit seiner Schifffahrt nur mühsam bewältigen kann. Zudem erweist sich der Weg vom Bahnhof zum Hafen mit einer Länge von rund zwei Kilometern als „Rennstrecke“ für Lohnkutscher, was zwangsweise zu Unfällen führt. Diesem „wüste Treiben“ wollte Ludwig Feßler ein Ende setzen und beauftragte die Lokomotivfabrik Krauss & Comp. in München mit der Planung einer Lokalbahn von Prien nach Stock. Als Dampflok war eine 60 PS starke Tramwaylokomotive vorgesehen mit einer Zweizylinder-Nassdampfmaschine und einstufiger Dampfdehnung, geregelt durch eine Steuerung der Bauart „Allan“. Zusätzlich sind alle Armaturen und Instrumente so angeordnet sind, dass die Lok im Einmannbetrieb fahren kann.

Die Bauarbeiten wurden von der Lokalbahn-Aktiengesellschaft (LAG) des Münchner Unternehmers Georg Krauss innerhalb von 70 Tagen ausgeführt und am 9. Juli 1887 erfolgte die offizielle Probefahrt.

„Heute Morgen fand sich dieserhalb die Staatsbahn-Prüfungskommission ein, welche die Bahnvorlage mit all ihrem Fahrmaterial einer genauen Untersuchung unterzog. Um ½ 12 Uhr wurde mit der offiziellen Probefahrt begonnen. In drei hocheleganten Waggons nahmen die Gäste Platz. Gezogen wurde der Zug von einer Lokomotive. Beim Abfahren des Zuges ertönten Böllerschüsse und diese wiederholten sich, als der Zug in Stock einfuhr. Die Unternehmer luden nun die Gäste zu einer Separatfahrt auf dem neuen, prächtigen „Luitpold“ ein, der alsbald an der Fraueninsel landete, wo die Gäste ein splendides Gabelfrühstück erwartete. Nach der Rückfahrt fuhr der Extrazug die Gäste wieder nach Prien zurück und benutzten alsbald die Münchner Herren den von Salzburg kommenden Schnellzug zur Heimfahrt.“

Der Fahrplan der ersten Saison 1887 sah täglich elf Züge in beide Richtungen vor und war mit den Fahrplänen der Reichsbahn genauso gekoppelt, wie mit den Fahrzeiten der Schiffe. Schon bald fuhren mehr Passagiere als erwartet, so dass bereits im ersten Betriebsjahr zusätzliches Personal eingestellt und der Fahrplan erweitert wurde. Die Preise für eine einfache Fahrt lagen in der ersten Klasse bei 60, in der zweiten Klasse bei 30 Pfennig. Die Fahrzeit beträgt bis heute acht Minuten.

Auch der „Geschäftsbericht über das 1. Betriebsjahr der Chiemseebahn“ ist erhalten geblieben und weist u.a. Fahrkarteneinnahmen von 22.975 Mark sowie einen Gewinn von 16.320 Mark aus. Dafür wurden 71.216 Personen, 151 Gepäckstücke und 67 Hunde auf 1996 Fahrten befördert. Für alle Arbeiten samt Grunderwerb kassierte die Lokalbahn AG stolze 152 696 Mark.

Ebenfalls mit der Chiemsee-Bahn befördert wurde die Kohle für die Schiffe sowie das Wasserwerk und eine Brauerei auf der Herreninsel. Auf einem speziellen Umladegleis, direkt neben der Staatsbahn wurden zwei offene Kohlewagen von Hand beladen, nach Stock gefahren und dort direkt in die Kohlebunker der Dampfer geschaufelt. Diese umständliche Bekohlung erfolgte noch bis in das Jahr 1966. Dies waren bis heute die einzigen Güterzüge der Chiemsee-Bahn.

Die Weltkriege und die nachfolgenden Krisen überstand die Chiemsee-Bahn ohne allzu große Schwierigkeiten, lediglich in den Jahren von 1944 bis 1948 ruhte der Betrieb. In der jungen Bundesrepublik Deutschland begann im Sommer 1949 wieder der Fahrbetrieb, allerdings unter deutlich schlechteren Voraussetzungen. Der zunehmenden Motorisierung und einer eisenbahnfeindlichen Verkehrspolitik der 50er und 60er Jahre zum Trotz wurde die Bahn von der Familie Feßler weiterbetrieben, auch wenn die Bilanz inzwischen mit dem Rotstift geschrieben wurde.

Die bis dato eigenständige „Chiemsee-Bahn, Feßler & Comp.“ wurde 1965 aufgelöst und die Bahn der „Chiemsee-Schifffahrt Ludwig Feßler“ angegliedert, die sie auch heute noch betreibt. Zu diesem Datum schieden auch die Erben von Georg Krauss aus, der sich seinerzeit ebenfalls an der Chiemsee-Bahn beteiligt hatte.

Die letzte Ergänzung ihres Fuhrparks erfolgte 1982 mit dem Kauf einer kleinen 125 PS starken Diesellok, die bei fälligen Revisionsarbeiten die Dampflok kurzfristig ersetzen kann. In den Jahren seit 2002 wurden der Hafen und der dazugehörige Bahnhof systematisch umgestaltet, erfüllte die vorhandene Infrastruktur doch schon länger nicht mehr die vorhandenen Anforderungen. 2011 wurde der alte und baufällige Lokschuppen abgebrochen und durch eine moderne Lokhalle ersetzt, die auch in den Wintermonaten ein ordentliches Arbeiten ermöglicht.

In Ihrem langen Leben hatte die Chiemsee-Bahn einige illustre Gäste. Darunter war neben den Mitgliedern der bayerischen Königsfamilie u.a. die Herzogin von Modena, Erzherzogin Valerie von Österreich und auch das thailändische Königspaar sowie die Bundespräsidenten Heuss und Lübke. Letzter prominenter Gast war Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer, der im Mai 2012 persönlich zum 125. Geburtstag gratulierte.