„Train de la paix“ (Friedenszug) hieß eine bemerkenswerte Veranstaltung anlässlich des einhundertsten Jahrestages der Beendigung des Ersten Weltkrieges. Im ehemaligen Grenzbahnhof Burnhaupt le Haut (heute Betriebsmittelpunkt der Museumsbahn Train Thur Dollar) treffen zwei Züge der Kriegsparteien Deutschland und Frankreich aufeinander; beide besetzt mit Soldaten und verwundeten Zivilisten. Nach Drohgebärden und Verhandlungen der beiden Zugkommandanten gelingt für eine Nacht ein Waffenstillstand

zur Versorgung Verwundeter. In dieser Nacht kommen sich Menschen mit und ohne Uniform näher und vergessen für ein paar Stunden den Krieg. Nach Bekanntwerden des Agreements bei den jeweiligen Oberkommandierenden musste der Waffenstillstand bei standrechtlichem Strafvollzug unverzüglich beendet werden. Nach einem abschließenden Inferno kommt die Meldung des Kriegsendes und alle Beteiligten sind glücklich, zu den Überlebenden zu gehören…

Bemerkenswert ist, dass eine Museumseisenbahn ein emotional besetztes, gesellschaftspolitisches Thema zum Anlass für eine Inszenierung gewählt hat, wenngleich dabei die Eisenbahn nicht die Hauptrolle spielen konnte. Dennoch waren Bühne und Requisiten, d. h. das Bahnhofsensemble und die eingesetzten Zuggarnituren, im Verbund mit einer großartigen (ehrennamtlichen) schauspielerischen Leistung geeignet, ein nachhaltiges Erlebnis zu vermitteln. Museumseisenbahnen sind in der Lage, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden – sogar, wenn technikhistorische Dimensionen überschritten werden. Bemerkenswert war aber auch die Art der Bearbeitung des Themas: Aufgesetzt wurde bei allen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Franzosen auf den Sockel humaner Werte, der sowohl in Teilen des Militärs als auch in der Zivilbevölkerung noch gelebt wurde und auch in deutschen Geschichtsbüchern seinen Niederschlag findet.

National denkende „Hardliner“ hätten eine andere Art der Darstellung gewählt, denn schließlich gab es in der Geschichte auch Erbfeinde, Sieger und Besiegte. Die Verantwortlichen des Train Thur Dollar um Romain Tricot und seinem Team sind derartigen Gedanken nicht aufgesessen und haben Haltung gezeigt mit Blick auf ein modernes Europa, in dem seit mehr als 73 Jahren Frieden herrscht. Selbstredend, dass die Teilnehmer der VDMT-Herbsttagung in Burnhaupt mit dabei waren. Sie waren wichtige, gern gesehene Gäste, denen auch ein exklusives Vorprogramm geboten wurde: Bei bester, tiefstehender Sonne konnten Sonderfahrten mit dem Triebwagen, Dampfzugfahrten in Einfach- und Doppeltraktion sowie geführte Präsentationen der äußerst interessanten Fahrzeugsammlung erlebt werden.

Der Friedenszug passt in die Zeit, stand doch auch die Jahrestagung 2018 des Deutschen Museumsbundes unter dem Motto „Eine Frage der Haltung – Welche Werte vertreten Museen?“ Auf die Frage, ob bzw. wie politisch Museen sein dürfen und welche Werte sie für die Gesellschaft vertreten sollten, gab es natürlich keine allgemeingültige Antwort. Museen - zumindest die öffentlichen - sehen sich zu gesellschaftspolitischer Neutralität verpflichtet. Dennoch dürfte für die technikgeschichtlichen Museen jedoch klar sein, dass hergestellte Bezüge zwischen den Dimensionen Technik und Mensch/Gesellschaft nicht wertfrei sein können. Geht es doch stets um Interessen und Verhalten bei der Nutzung technischer Systeme und um die Verteilung des generierten Erfolges oder Misserfolges. Bei der Frage der Haltung ist entscheidend, inwieweit das Vermittelte den akzeptierten ethischen und sozialen Belangen der Gesellschaft entspricht. Der bloße Fahrbetrieb einer Museumseisenbahn ist diesbezüglich „rein“. Für Ausstellungen und Inszenierungen gilt jedoch die Reflexion und die aufmerksame Durchsicht des Drehbuchs. Es ist das Verdienst des DMB, das Thema aufgerufen zu haben. Der VDMT wird versuchen, weitere Brücken zu den professionellenMuseen zu bauen, um Hilfestellung für seineMitglieder in diesen Themenfeldern zu organisieren.

kl 2885

VDMT-Herbsttagung mit internationalem Akzent

Die beabsichtigte Teilnahme am Friedenszug hat den Tagungsort Freiburg als sinnvoll erscheinen lassen. Eine Verzahnung der nationalen mit den internationalen Teilen der Veranstaltung war auf diese Weise gut möglich, denn die Veranstaltungsorte lagen nur gut eine Busstunde voneinander entfernt. Trotz noch notwendiger Vorbereitungsarbeiten zur Inszenierung und zur Eröffnung des im selben Zeitraum stattfindenden Kongresses des Französischen Dachverbandes UNECTO in Cernay ließen sich es die französischen Kollegen nicht nehmen, zur Eröffnung der VDMT-Tagung nach Freiburg zu kommen. UNECTO-Präsident Jean-Claude Steinmetz, Train Thur Doller-Präsident Romain Tricot und VDMT-Vorsitzender Hans-Jürgen Credé wiesen in Ihren Gruß- bzw. Eröffnungsworten auf die hohe Symbolkraft der gemeinsamen Veranstaltung hin. Die Erinnerung an die Kriegshandlungen sei für beide Nationen Mahnung und Aufforderung, den europäischen Prozess voranzubringen – auch wenn er den Museumseisenbahnen zur Zeit viel Arbeit bereitet. Der Wunsch nach Erfahrungsaustausch bezüglich der Schritte in die dezentrale, regulierte Eisenbahnwelt war unverkennba r- nicht zuletzt deshalb, weil in Frankreich der Netzzugang deutlich später als in Deutschland in Gang gekommen ist.

Von deutscher Seite wurde ihm im Rahmen des UNECTO-Kongresses durch Klaus Heckemanns, Geschäftsführer der UEF-Verkehrs GmbH, Rechnung getragen. Er schilderte die Aktivitäten der Ulmer Eisenbahnfreunde zur Durchführung historischen Zugverkehrs auf Strecken der Deutschen (Bundes-)Bahn mit Schwerpunkt auf die Periode nach der Bahnreform, das gewählte Betriebsleitermodell für die Betriebsabteilungen der UEF und den bevorstehenden Schritt zur Umsetzung des Sicherheitsmanagementsystems entsprechend den Vorstellungen der EU. Es entspricht dem Wunsch der Beteiligten, den Erfahrungsaustausch fortz

usetzen und die neu geknüpften Kontakte weiterzuentwickeln.

Auch Jaap Nieweg, Präsident des Europäischen Dachverbandes FEDECRAIL ließ es sich nicht nehmen an den deutschen und französischen Veranstaltungen teilzunehmen. Jenseits der Aktivitäten auf den Feldern der Regulierung ist FEDECRAIL insbesondere bei umweltpolitischen Problemen des historischen Eisenbahnbetriebes unterwegs. Unter dem Namen „Plan Paris“ wird nach Möglichkeiten gesucht, glaubhaft an der Realisierung der auf der Pariser Umweltkonferenz beschlossenen Ziele mitzuwirken und gleichzeitig das Verbrennen fossiler Brennstoffe als Bestandteil des historischen Eisenbahnbetriebes auch in Zukunft zu ermöglichen. Für den notwendigen politischen Prozess sind gesicherte Daten zu Emissionen zu generieren, wozu die Betreiber historischer Fahrzeuge und ihre nationalen Verbände aufgerufen sind. Damit hat Jaap Nieweg ein Thema angesprochen, das auch dem VDMT-Vorstand unter den Nägeln brennt: Tansparenz und Verbesserung der Datenlage über die Aktivitäten der Verbandsmitglieder. Eine Diskussion hierüber wird im Rahmen der Aufstellung des VDMT für die Zukunft vorbereitet.

kl dampf6

Wichtige Zukunftsthemen strukturiert

Schon vor Beginn der Herbsttagung konnten innerhalb von Arbeitsgruppen-Sitzungen für die Branche wichtige Themen diskutiert werden. Seit der Herbsttagung 2017 in Münsingen bewegt das Thema der Fahrzeuginstandhaltung und die hierzu notwendigen Strukturen und Prozessmanagement-Dokumentationen die Mitglieder in ihrer Rolle als Fahrzeughalter. Durch das Engagement des VDMT ist es jedoch gelungen, für historische Fahrzeuge die Anwendung der Regelungen gemäß §32 EBO fortzuschreiben. Die Betreiber sind damit gehalten, die erforderlichen Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit selbst zu bestimmen und die Instandhaltungsprozesse entsprechend zu regeln und zu dokumentieren. Basis sind die jeweiligen fahrzeugtypbezogenen Regelwerke um deren Zukunft es bei historischen Fahrzeugen schlecht bestellt ist. Mit Auslauf des Einsatzes der Fahrzeuge im professionellen Verkehrsbereich entfällt i. d. R. das Interesse des Halters an der Pflege der Regelwerke, so dass sich perspektivisch die Museumsbahnen selbst um dieses Thema kümmern müssen, wenn sie derartige Fahrzeuge in Ihrem Bestand haben. Im Bereich der Dampflokinstandhaltung ist das Thema seit geraumer Zeit in Bearbeitung; große Defizite zeichnen sich jedoch schon jetzt im Bereich der Wagen, insbesondere der Personenwagen ab. Es besteht daher Konsens, ein Regelwerk für historische Fahrzeuge (zunächst Personenwagen) zu erarbeiten, verbunden mit dem Ziel, die generierten Inhalte als anerkannte Regeln der Technik anwenden zu können.

Die organisatorische Hilfe des VDV ist zugesagt, die Inhalte müssen jedoch durch Experten der Museumsbahnen zugearbeitet werden. Die Teilnehmer gehen davon aus, dass hierzu auch professionelle Projektsteuerung erforderlich ist, so dass haushaltsseitig ein Budget zu planen und der Mitgliederversammlung vorzustellen ist. Die zur inhaltlichen Bearbeitung notwendigen Kompetenzträger hatten sich bereits während der Tagung gefunden, so dass in Kürze mit der Arbeit begonnen werden kann. Für die Anschubphase hat sich Vorstandsmitglied Volker Wente bereiterklärt, die notwendigen Schritte zu koordinieren.

Weitere Themen der vorgelagerten Arbeitsgruppen befassten sich mit der marketingseitigen Vernetzung der Museumsbahnen mit Schwerpunkt der Nutzung elektronischer Medien. Auch das Buchungs- und Reservierungssystem Fahrkartendrucker wurde aus der Anwenderperspektive diskutiert und entsprechende Lösungsvorschläge eingebracht.

kl dampf2

Die eigentliche Tagung sah ein breites Themenspektrum vor, das - bedingt durch den Besuch beim Train Thur Dollar - in zwei Halbtagsveranstaltungen organisiert werden musste. Am Samstag stand neben dem Geschäftsbericht insbesondere das Thema der Rechtsentwicklung im Vordergrund. Volker Wente gab einen Überblick über die im letzten Halbjahr bearbeiteten Initiativen des Gesetz-bzw. Verordnungsgebers mit einem Ausblick auf die zu erwartenden Regelungen. Ziel des Verbandes ist es, die Betreiber historischer Fahrzeuge und Infrastrukturen von der Regulierung aufgrund europäischer Vorgaben auszunehmen. Da Museumsbahnen die europäische Eisenbahnentwicklung weder behindern noch vorantreiben, gibt es aktuell gute Chancen, dass die vorgeschlagenen Ausnahmeregelungen auch Rechtskraft erhalten. Die behandelten Gesetzes- und Verordnungsinitiativen sind im internen Teil des VDMT-Webs veröffentlicht.

Am zweiten Teil der Tagung standen die Themen der Dampflokinstandhaltung und der künftigen Ausrichtung des Verbandes im Vordergrund. Im ersten Themenblock berichteten Jörg Bauer, EBL der Harzer Schmalspurbahn, und Uwe Reichelt, Geschäftsführer der Dampfloktechnik Reichelt GmbH, zum Bearbeitungsstand der Regelwerke zur Dampflokinstandhaltung. Die Summe der aufzuarbeitenden Regelungen bei Reichsbahn, Bundesbahn und Vorgängerbahnen ist immens, so dass das Ziel, ein einheitliches, fortan für alle Typen gültiges Regelwerk erst Ende 2019 erreichbar scheint. Neben der Sichtung der Altregelungen muss es auch darum gehen, Fortschritte der Instandhaltungstechnik und der Materialqualität einzubeziehen. Die Erwartung besteht auch darin, Regelungen abzustimmen, die auch in Zukunft noch professionellen, bezahlbaren Dampfbetrieb  ermöglichen. Das Gesagte gilt für die ehrenamtliche Museumsbahnszene in verschärfter Form. Die Kosten für Hauptuntersuchungen insbesondere im Regelspurbereich stellen die Vereine/EVUs vor große Herausforderungen. Thomas Stromsdörfer vom Verein sächsischer Eisenbahnfreunde stellte Vorgehensweise und politisches Marketing zur Förderung von Dampflokuntersuchungen vor. Seine Botschaft: ohne systematische Vorarbeiten und landesweite konzeptionelle Zusammenarbeit der Museumsbahnvereine sind Aussichten auf öffentliche Unterstützung gering, gemachte Hausarbeiten ermöglichen jedoch die Begeisterung insbesondere der Legislative und helfen, „Bretter zu bohren“.

Den Abschluss der Tagung bildete der Auftakt zu einer Zukunftsdiskussion über die künftige Aufstellung des Verbandes. Auf Grund der Dynamik der Rechtsentwicklung und der Komplexität der verbandsseitig zu bearbeitenden Themen sind die Grenzen der ehrenamtlichen Verbandsarbeit spürbar. Die Einbeziehung professioneller Kräfte, die Organisation kontinuierlicher Sacharbeit sowie die Pflege von Bündnissen zur politischen Begleitung von Projekten hat jedoch Konsequenzen bezüglich der erforderlichen Ressourcen. Der Vorstand wird der Mitgliederversammlung im Frühjahr seine Vorstellungen vortragen und wünscht sich eine breite Diskussion in der Mitgliedschaft.

Trotz großen organisatorischen Aufwandes war Freiburg und Burnhaupt eine spannende Tagung bei guter Stimmung der Teilnehmer. Fortsetzung folgt im Frühjahr 2019 unter der Regie des VVM in Hamburg.   (Hans-Jürgen Credé)

kl IMG 3194