Mit Wolfram Bäumer hat die Museumsbahnszene in Deutschland an Heiligabend zum dritten Mal innerhalb weniger Monate ein profiliertes Mitglied verloren. Er war ein Museumsbahner der frühen Stunde und engagierte sich bereits als Jugendlicher und Student in den 1970er Jahren bei den Bahnen seiner Umgebung und erlangte dabei verschiedene Qualifikation für den Betriebsdienst. So unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte in Viernheim und der Gesellschaft zur Erhaltung von Schienenfahrzeugen bei Stuttgart, bevor er beim Deutschen Eisenbahn-Verein (DEV) in Bruchhausen-Vilsen seine „Museumsbahnheimat“ fand.

Auch beruflich orientierte er sich mit den Schwerpunkten seines Maschinenbaustudiums in Richtung Eisenbahn und war anschließend für viele Funktionen, bis hin zum Eisenbahnbetriebsleiter, für Eisenbahnen in Deutschland tätig.

Mit der Redaktionsleitung des Vereinsorgans „Die Museums-Eisenbahn“ (DME) des DEV, die Wolfram Bäumer Ende 1988 übernahm und die er wegen seiner Erkrankung zum Jahresende 2015 abgeben musste, fand er den Rahmen für sein Lebenswerk, wie es ein Kollege anlässlich der Übergabe formulierte. Er entwickelte aus der damals schon respektablen Vereinszeitschrift eines der lesenswertesten Magazine der Museumsbahnszene, das die Entwicklung des Sektors auch stets kritisch begleitete. Was insbesondere deshalb bemerkenswert ist, da die DME ihren thematischen Schwerpunkt nicht im Bereich der viel beachteten Staatsbahn hat, sondern ausweislich des Subtitels eine Zeitschrift für Kleinbahn-Geschichte ist. Diese wurde von Wolfram Bäumer und seinen Autoren jedoch so spannend und fundiert präsentiert, dass Spurweite und Leistung der Lokomotiven völlig nebensächlich wurden. Es ging darum, historische Fakten zu vermitteln, die auch in späteren Ausgaben immer wieder durch neuere Erkenntnisse ergänzt wurden. Erst durch diese Beiträge in der DME wurde nachvollziehbar, was es bedeutete, eine Kleinbahn im Alltag zu betreiben, und dass dieser Alltag weniger das Idyll war, als das es heute ein Sommertag auf der Museumsbahn erscheinen lässt, sondern geprägt war von Sparsamkeit und teilweise auch Mangel. Gleichzeitig konnte damit der DEV als Museumseisenbahn neben dem Sammeln, Bewahren und Ausstellen auch die weiteren Aufgaben eines Museums, nämlich forschen und vermitteln, auf hervorragende Weise erfüllen.

Aus den Inhalten heraus, mit denen sich die DME beschäftigte, war es wohl zwangsläufig, dass sich für Wolfram Bäumer die Frage stellte, was machen die Museumsbahnen eigentlich. Und wie so oft, wenn der Insider denkt. Das ist doch völlig klar. War es auch bei den Museumsbahnen bei näherer Betrachtung keineswegs so klar. Offensichtlich war lediglich, dass gesammelt und gefahren wurde. Aber was und zu welchem Zweck war schon weniger erkennbar. Insbesondere, wenn man den Inhalt des Begriffs „Museum“ aus der Selbstbezeichnung der Szene etwas genauer betrachtete, wurde die Diskrepanz zwischen begrifflichem Anspruch und gelebter Wirklichkeit deutlich. Mit dieser Erkenntnis konfrontierte Wolfram Bäumer Anfang um 1990 sowohl den eigenen Verein wie auch die Museumbahnszene. Und dies intellektuell hervorragend und mit Beispielen aus der Museumsbahnpraxis unterlegt, die er damit gleichzeitig in Frage stellte. Diplomatie war keine seiner Stärken. Entsprechend war die Reaktion aus der Szene zunächst eher verhalten.

Aber er gab nicht auf und fand im VDMT einen Rahmen die musealen Defizite zu diskutieren. Er wurde zum ersten Leiter des Arbeitskreises Museumskonzepte des Verbandes und gab damit seinem Anstoß die Form, die in der Museumsbahnszene Wirkung entfalten konnte. Sein bleibendes Vermächtnis in den Museumsbahnen ist, dass es heute kaum noch eine Museumsbahn ohne Konzept gibt. Auch wenn diese fachlich nicht immer allen Ansprüchen genügen, so zeigt dies doch, dass jenseits des Sammelns und Fahrens die Frage nach der kulturellen Relevanz des eigenen Tuns gegenüber der Öffentlichkeit hinterfragt wird. Wie erfolgreich das geschieht zeigt sich in der Attraktivität des Angebots der jeweiligen Bahn.

Heimo Echensperger